Das Sulinger Kreuz1

Strecke 219: (Bielefeld-) Bünde-Rahden-Sulingen-Bassum (-Bremen)

Die Kursbuchstrecke 219 (später in 105, dann in 386 umnummeriert) bildete eine Direktverbindung zwischen den Großstädten Bremen und Bielefeld. Die Strecke wurde im Jahre 1901 eröffnet. Ab 1904 gab es durchgehende Züge von Bassum nach Herford, nachdem auch der Abschnitt Kirchlengern -Herford fertigestellt worden war. Im Zweiten Weltkrieg bekam die Strecke auch spezielle militärische Bedeutung sowohl durch den Gleisanschluß an die “Muna Espelkamp” (nach dem Krieg geschleift und mit der Stadt Espelkamp überbaut), als auch durch den Gleisanschluß des Luftwaffentanklagers in Preußisch Oldendorf über die in Holzhausen-Heddinghausen an die Strecke 219 anschließende private Wittlager Kreisbahn.

Das höchste Verkehrsaufkommen hatte die Strecke 219 von den 1930er bis etwa Mitte der 1960er Jahre. Anfang der 1970er Jahre begann das langsame Sterben dieser hochwertigen Bahnverbindung. Die Fahrpläne wurden allmählich aber fortlaufend ausgedünnt. Im Jahre 1975 - im gleichen Jahr, in dem auch die Bürgerinitiative “Interessengemeinschaft zum Erhalt der DB-Strecke 105” gegründet wurde - stellte die Deutsche Bundesbahn den Personenverkehr mit Nahverkehrszügen zwischen Rahden und Bassum ein. Die beiden Eilzugpaare, die von bzw. nach Bremen verkehrten, blieben zunächst bestehen. Von den 50er bis Anfang der 70er Jahre hatte das eine dieser Eilzugpaare zu denen mit den längsten Eilzugläufen Deutschlands gehört: Es fuhr durchgehend die Strecke Bremen - Sulingen - Herford - Paderborn - Brilon - Frankenberg - Marburg - Frankfurt (Main). Dazu war die Strecke 219 in den 1950er Jahren unter der Nummer 43 in das Fernverkehrsnetz aufgenommen worden (Fernverbindungen in Deutschland für mittlere  Reiseentfernungen)

Die ungünstigen und insbesondere für Berufspendler zwischen Sulingen und Bremen völlig unattraktiven Abfahrtszeiten der ab Anfang der 1980er Jahre nur noch an Werktagen (außer Samstagen) verkehrenden Eilzüge ließen das Passagieraufkommen weiter sinken. Das Pendleraufkommen von Sulingen nach Bremen wurde nicht mehr bedient; kein Zug fuhr mehr morgens zu einer für Pendler brauchbaren Zeit nach Bassum oder Bremen, was bis Anfang der 70er Jahre noch der Fall gewesen war. Der Verdacht liegt nahe, daß hinter dieser Fahrplangestaltung Strategie steckte, um eine Stillegung aufgrund geringer Fahrgastzahlen zu rechtfertigen. Eine Anfrage der "Interessengemeinschaft zum Erhalt der DB-Strecke 105" bei der DB im Jahre 1982 ergab, daß die Bundesbahn bereits 1982 beabsichtigte, das “gesetzlich vorgeschriebene Verfahren zur Einstellung des Reisezugbetriebes” einzuleiten. Die Bürgerinitiative blieb erfolglos. Die Strecke hatte jedoch im Kalten Krieg eine große militärische Bedeutung. Die langen Panzer-Transportzüge waren dort ein gewohntes Bild. Die Vermutung drängt sich auf, daß die Deutsche Bundesbahn die Strecke vor allem aus militärischen Gründen nicht schon in den 80er Jahren komplett stillgelegt hat, denn: >>Auch die Eisenbahn ist wesentlicher Bestandteil militärischer Kriegsplanung und gilt den Streitkräften als unentbehrlich für den Nachschub und die schnelle Verlegung von Verbänden mit schweren Kettenfahrzeugen. Militärische Erfordernisse stehen hier eindeutig mit wirtschaftlichen Interessen der Bundesbahn im Zielkonflikt: so muß die Bahn die Anlagen stillgelegter Strecken zum Zweck späterer militärischer Reaktivierung instandhalten bzw. die Genehmigung zur Streckenstillegung wird von der Bundeswehr gar nicht erst erteilt.<< [Zit. aus Mechtersheimer, Barth, Militarisierungsaltlas der Bundesrepublik 1988]. Die laut Bundesverteidigungsministerium "erhebliche militärische Bedeutung für Krise und Krieg" der Strecke entfiel nach dem Ende des Kalten Krieges Anfang der 1990er Jahre. Wenige Jahre danach, im Jahre 1994, also in dem Jahr, in dem aus der DB und der DR die “DB AG” entstand und somit die Privatisierungsvorbereitungen und die “Bahnreform” begannen, wurde der Reisezugverkehr komplett eingestellt. Die Stillegung der Strecke Bassum-Rahden folgte auf dem Fuß, nämlich 1997. Fortan wurde nur noch das kurze Stück zwischen Sulingen und Barenburg von den Tankzügen für die Exxon-Mobil genutzt und erhalten, die zwischen Diepholz und Barenburg verkehren. Zwischen Rahden und Bielefeld fand weiterhin Zugverkehr mit Personenzügen (Triebwagen) statt. Den Personenverkehr übernahm dort die private “Eurobahn”.

Das Teilstück Rahden-Ströhen (Han) übernahmen in den 2000er Jahren  die Gemeinden Rahden und Wagenfeld und betreiben dieses als touristische Fahrrad-Draisinenstrecke.

Anfang der 2010er Jahre gründete sich eine neue Bürgerinitiative zur Reaktivierung der Strecke 219, das “Aktionsbündnis Eisenbahnstrecke Bassum-Bünde (AEBB)”. Eine Reaktivierung der Strecke wäre wegen der im Vergleich zum Omnibus sehr viel schnelleren Verbindung ein großer Gewinn für den öffentlichen Nahverkehr im Sulinger Land, eine Erleichterung für Pendler, eine Entlastung der entsprechenden Bundes- und Landesstraßen, sowie ein Standortvorteil für Sulingen. Außerdem würde dadurch die Reisezugverbindung zwischen Bremen und Bielefeld verkürzt, die bisher nur über Osnabrück möglich ist. Die ostwestfälische Region Rahden-Lübbecke hätte wieder eine Anbindung an Bremen. Das Argument der mangelnden Nachfrage ist nicht überzeugend, denn vielfach zeigt die Erfahrung, daß der Schienen-ÖPNV stark genutzt wird, wenn das Angebot erstmal vorhanden und mit Taktverkehr attraktiv ist, und die Bahnkunden sich daran gewöhnt haben. Im Güterverkehr hätten die Industrien im Raum Lübbecke eine bessere Anbindung, außerdem wäre die Strecke als Entlastungs- und Umgehungsstrecke nutzbar, besonders im Hinblick auf die Seehäfen.  Im Jahre 2008 kam eine vom Niedersächsischen Wirtschaftsministerium beim “Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)” in Auftrag gegebene Studie zu dem Ergebnis, daß die Option der Nutzung der Strecke Rahden-Sulingen-Bassum als eine Entlastungsstrecke erhalten bleiben sollte.

Für eine mögliche Reaktivierung der Strecke gab es u.a. den Vorschlag, die Strecke Sulingen-Bassum in das Netz der Bremer Regio-S-Bahn einzubinden, doch davon wollte die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) aus Kostengründen nichts wissen. Die zu erwartenden Fahrgastzahlen würden die erforderlichen hohen Investitionen - angeblich im zweistelligen Millionenbereich für das nur 20 km lange Streckenteil - nicht rechtfertigen (Quelle: Zeitung “Sonntags-Tipp” vom 03.02.2016). Ein Kostenfaktor wäre auch der Neubau der in den 2000er Jahren abgerissenen Eisenbahnbrücke über die B 61 in Bassum. Die Niedersächsische Landesregierung wollte zwar drei stillgelegte Strecken in Niedersachsen für den Personenverkehr reaktivieren, doch die Strecke Rahden-Sulingen-Bassum war nicht darunter. Im Jahre 2013 hatte die Landesregierung zahlreiche stillgelegte Strecken hinsichtlich möglicher Reaktivierung überprüfen lassen, doch die Strecken des Sulinger Kreuzes (Rahden-Sulingen-Bassum und Nienburg-Sulingen-Diepholz) fielen gleich in der ersten Runde durch. Im Bundesverkehrswegeplan ist ebenfalls keine Reaktivierung vorgesehen. Damit sind die Hoffnungen auf unbestimmte Zeit begraben. Zur Zeit (im Jahre 2016) besteht für die stillgelegte Trasse weder eine konkrete Planung für eine langfristige Wiederinbetriebnahme, noch ein Trassensicherungsvertrag, der vor einer Entwidmung schützen würde. Das ergab eine Anfrage der Stadt Sulingen über MdB Axel Knoerig im Jahre 2013. Es besteht allerdings noch die Widmung und die Ausweisung der Strecken im Raumordnungsprogramm als Vorrangfläche Bahn, eine Resolution des Diepholzer Kreistages aus dem Jahre 2011 zum Erhalt der Trassen, sowie die Geltendmachung eines Verkehrsbedürfnisses durch die Bonner “Rhein-Sieg Eisenbahn”. Eine Entwidmung ist daher auf absehbare Zeit eher unwahrscheinlich.

 

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Eine Tenderlokomotive vom Typ “T 11”  (Baujahr 1908) der königlich preußischen Staatsbahn. Solche und ähnliche Lokomotiven fuhren auf der Strecke Bünde-Bassum in deren Anfangsjahren

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Eine Tenderlokomotive vom Typ “T 13”  (Baujahr 1912) der königlich preußischen Staatsbahn.

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In der Zeit der Deutschen Reichs- und Bundesbahn waren auf den Strecken des Sulinger Kreuzes die Schlepptenderlokomotiven der Baureihe 24 besonders verbreitet. Sie wurden sowohl für Personen, als auch für Güterzüge eingesetzt.

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Von den 1950er Jahren bis zur Einstellung der Nahverkehrszüge zwischen Rahden und Bassum im Jahre 1975, wurden für den Nahverkehr die sogenannten “Schienenbusse” (Triebwagen) vom Typ “VT 98” verwendet.

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Die Eilzüge Bremen-Bielefeld sowie die sogenannten Heckeneilzüge Bremen-Bielefeld-Frankfurt (Main) waren i.d.R. lokbespannte Züge. Zuletzt wurden zumeist Diesellokomotiven der Baureihen 220 und 216 eingesetzt. Das Foto entstand 1994 nördlich Schwaförden.

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Fahrplan der über die Strecke 219 führenden Fernverbindung 43 Bremen-Sulingen-Bielefeld-Marburg-Frankfurt. Winter 1963/64.

Daten zur Strecke 219: Bünde-Rahden-Sulingen-Bassum

Status: Nebenbahn, eingleisig, nicht elektrifiziert, Länge (Bünde-Bassum) 86,8 km

Inbetriebnahme: 01.10.1899 (Bünde-Rahden), 01.10.1900 (Rahden-Sulingen), 01.08.1901 (Sulingen-Bassum)

Personenverkehr-Ende: 29.05.1994 (Rahden-Sulingen-Bassum)

Gesamtverkehr-Ende: 29.05.1994 (Sulingen-Bassum), 01.09.1995 (Rahden-Barenburg)

Stillegung: 30.12.1997 (Rahden-Barenburg), 30.12.1997 (Sulingen-Bassum)

 

Gabelung des Sulinger Kreuzes unmittelbar nördlich des Bahnhof Sulingen (Blickrichtung Norden): Links die Strecke 219 Richtung Bremen, rechts die Strecke 219a Richtung Nienburg. Beide Strecken sind stillgelegt. Etwa 30 m weiter ist alles vollkommen zu. Foto von 2016.

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